Zuletzt geändert am 23.04.2008
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Die Marlesreuther wehren sich gegen die Preußen

 
Die Marlesreuther verweigern den Eid

Nachdem zwischen Frankreich und Preußen im Jahr 1795 abgeschlossenen Friedensvertrag von Basel forderte Hardenberg die ehemaligen Untertanen des Markgrafen auf, dem preußischen König zu huldigen. Er ließ an ihren Häusern Hausnummern anbringen, stellte in den Ortschaften Hoheitstafeln mit dem preußischen Adler auf und suchte auch in den strittigen Gebieten die preußische Herrschaft unerbittlich durchzusetzen.

Auch in Marlesreuth und Nestelreuth wurden die Einwohner aufgefordert, den Huldigungseid zu leisten. Da sie jedoch das Insinnen mehrmals energisch ablehnten, entschloß man sich zu einem Gewaltakt. 
Auf Befehl der Königlichen Huldigungskommision Bayreuth schickte der Nailaer Vogt Stainlein am 20. Oktober 1796 morgens um 4 Uhr ein preußisches  Ausschußkommando in Stärke von 50 bis 60 Mann in die beiden Ortschaften. Es holte 63 männliche Einwohner mit den beiden Richtern Munzert und Jahn aus den Betten und ließ sie nach Naila abführen, wo sie in Wirtshäusern unter strenger Bewachung und auf eigene Kosten verwahrt, die beiden Richter aber in der Fronfeste eingesperrt wurden.
Nur die Kranken und einige Leute, die zum Schutz der Frauen und Häuser zurückgelassen wurden, entgingen der preußischen Gefangenschaft.
" Dem Vogteyamt Naila geschieht auf dessen eben erstatteten Bericht wegen Huldigung der Marlesreuther Einwohner die Weisung, dieselben solange in Arrest zu behalten, bis sie ihrer Schuldigkeit gemäß Gehuldigt haben werden, wobei denselben zugleich eröffnet wird, daß wegen ihrer Renitenz Bericht an die Königliche Regierung erstattet worden ist."
Das Ende des Überfalles

Bamberg den 27. Oktober 1796:
Wegen dieses Gewaltaktes richtete der Bamberger Fürstbischof Christoph Franz eine Beschwerde an Hardenberg und verlangte, daß sich der Bayreuther Beamte Stainlein zur Untersuchung und Bestrafung der verübten Tätlichkeiten beim fürstlichen Amt Enchenreuth stellen solle.-

Natürlich dachte niemand daran den Nailaer Beamten Stainlein auszuliefern und vor ein bischöfliches Gericht zu stellen. Zur gleichen Zeit wurden aber Verhandlungen auf höherer Ebene geführt, um die Differenz zwischen Preußen und Bamberg aus der Welt zu schaffen.
Am 5. November 1796 erteilte Hardenberg dem Amt Naila den Befehl, die Gefangenen sofort zu entlassen.

Unterdessen aber hatten die Festgehaltenen die Huldigung schon geleistet und waren am 25. Oktober 1796 entlassen worden. Zuvor mußten sie dem Vogteiamt Naila die beim Einfall in Marlesreuth entstandenen Kosten zurückerstatten; auch für ihre Verpflegungskosten während der Haft mußten sie aufkommen.
Die Landesregierung in Ansbach zeigte sich jedoch den Marlesreuther und Nestelreuther Untertanen, die den erzwungenen Eid auf den preußischen König geleistet hatten, erkenntlich. 
Hochherzig gewährten sie ihnen 3 Eimer Freibier und für 3 Gulden Brot, damit ihre "Anhänglichkeit an Bamberg geschwächt" un auch "sonst ersprießliche Folgen hervorgebracht" würden.


 
Der Enchenreuther Vogt Körner droht den Preußen

Wegen dieser Vorfälle richtet der Enchenreuther Vogt Körner an den Nailaer Vogt ein Schreiben mit offensichtlichen Drohungen:
....." O heilige Justiz! Sie lassen die hochfürstlich bambergischen unmittelbaren Untertanen mit Gewalt aus Marles- und Nestelreuth herausschleppen und fangen den Prozeß mit einer Exekution an. Sie lassen tumultarisch und halb besoffen schwören, daß keiner mir sagen kann, was für eine Eidesformel er eigentlich abgeschworen habe; um das formale juris zu erhalten, so will ich sofort in die heilge Ewigkeit hinein protestiert haben. Lange geborgt, ist noch nicht geschenkt. Ich habe noch andere Stücke mit euch auszubeißen, und will nur abwarten, wie weit sie ihre Gewalttätigkeiten noch treiben werden. Mein allergnädigster Herr hat mir kund werden lassen, daß man Gewalt mit Gewalt vertreiben wird."-


 
Ein Bamberger Kommando stürmt Marlesreuth

Und bald setzte er seine angekündigte Drohung in die Tat um.
Am 14. November 1796 rückte auf seinen Befehl ein Bamberger Kommando von 200 Mann gegen Marlesreuth vor, um die vom Bischof beanspruchten Gerechtsame zu behaupten. Die Bamberger umstellten das Dorf und drangen mit Geschrei und Trommelschlag in die Ortschaft ein.
Die vom Nailaer Vogt auf Befehl seiner vorgesetzten Behörde aufgestellten Territorialtafeln wurden niedergerissen und fortgeschleppt, die hausnummern gelöscht, die preußisch Gesinnten mißhandelt und zwei Bürger, Johann Georg Schrepfer und Simon Saalfrank, schwer verletzt und nach Enchenreuth in die Gefangenschaft geschleppt. Auch in die Kirche und die Schule fielen die Bischöflichen ein, obwohl beide Gebäude von jeher markgräflich waren.

Schrepfer wurde am 27. November wieder entlassen und gab vor dem Nailaer Vogt zu Protokoll:
" Bei dem Einfall der Bischöflichen wurde mein Haus mit Mannschaften umstellt, die mit Flinten, Floßhaken, Stöcken und  Prügeln bewaffnet waren. Dann drang der Enchenreuther Gerichtsknecht mit einigen Leuten in meine Stube und erklärte mich zu seinem Gefangenen. Meine Angehörigen wehrten sich und wollten mich nicht fortschleppen lassen. Bei dem Handgemenge rissen sie meiner Frau das Kopftuch herunter, und der Gerichtsknecht schlug mit der Streuhacke nach meiner Tochter, die jedoch dem Hieb auswich und ans Fenster sprang. Draußen bemerkte sie einige Ausschüsser, die ihre Flinten auf sie gerichtet hatten. Sie erschrak so sehr, daß sie ohnmächtig wurde. Nun drangen sie auf mich ein und versetzten mir so viele Schläge an den Kopf, daß ich noch heute ganz dumm und taub bin. Zwei Ausschüsser packten mich bei den Haaren, zwei bei den Armen, zwei bei den Beinen und mit den Worten - Heraus mit dem preußischen Spitzbuben, mit dem Lutherischen Hund - zogen sie mich aus dem Haus und schleppten mich 150 - 200 Schritte fort. Wie ein Malefikant wurde ich mit Simon Saalfrank abgeführt.  In Rodeck warteten wir auf die in Marlesreuth zurück gebliebene Mannschaft. Nach deren Ankunft ging es unter großem Freudengeschrei, Trommeln und Schießen nach Enchenreuth ins Amtshaus. Mit den Worten - Bist du der Spitzbub, dich habe ich schon längst haben wollen, dir werde ich Bamberger Manieren lehren - wurde ich vom Beamten empfangen und erhielt mit geballter Faust einen solchen Schlag unter die Nase, daß ich die Schmerzen noch lange empfand. Dann wurde ich in die Fronfeste abgeführt und bei Wasser und Brot 13 Tage gefangen gehalten."

Schrepfer bat den Vogt, bei seiner Behörde zu veranlassen, daß ihm die Kosten zurückerstattet werden, die ihm durch die Gefangenschaft entstanden waren.
Spezifikation
über das was ich versäumt, verzehrt und dem Gerichtsknecht in Enchenreuth an Sitzkosten bezahlt wie auch über das, was in meinem Hause ist weggekommen und von Arzneimitteln, welche meine Leute wegen diesem Schrecken gehabt, nämlich Montag, den 14.11.1796, als mich der Amtsvogt Körner von Enchenreuth ohne Ursache als einen königlich preußischen Untertanen mit Mannschaften und mit Gewalt aus meinem Hause hat nehmen lassen.
13 fl.                  vor 13 Tage Versäumnis, als solang ich in Enchenreuth in Arrest gewesen,
  3 fl. 45 Kr.       von Zehrung dieser Zeit
  2 fl.                  von Sitzkosten dem Gerichtsknecht bezahlen müssen
         30 Kr.       von einem Streuhacker, welcher der Gerichtsknecht in Enchenreuth in Händen gehabt
                           und damit nach meiner großen Tochter gehieben, welcher weggeblieben
         45 Kr.       von Arzneimitteln, welche von meiner Frau und Kindern wegen großer Schrecken und
                          Stößen , so sie ausgehalten hatten, verbraucht wurden
         37 Kr.       vor ein Kopftuch, so diejenigen, welche in meinem Hause mit Gewalt eingefallen,
------------------     meiner Frau vom Kopf gerissen und welches auch weggeblieben
20 fl. 37 Kr.
Marlesreuth, 30. 11. 1796                                  Johann Schrepfer
Suche nach den Schuldigen

Da der Einfall ohne das Wissen des Bischofs erfolgte, verlangte das Landesministerium Ansbach, den eigenmächtig handelnden Vogt abzusetzen und auszuliefern, sowie die bischöflichen Beamten anzuweisen, sich jeglicher künftiger Eingriffe in seine Rechte zu enthalten. Er wies historisch und topographisch nach, daß Marlesreuth und Nestelreuth immer markgräflich gewesen sei, deswegen hätte nur Ansbach das Recht, die Landeshoheit in den beiden Ortschaften auszuüben.
Der Bischof versprach den Fall zu untersuchen und den Vogt zu bestrafen, wenn er sich nicht von " den ihm angeschuldigten Exzessen reinigen " könnte. -
Daraufhin sah Ansbach von einer Auslieferung des Vogtes ab.

Am 27. 12. 1796 gab Körner in Enchenreuth zu Protokoll:
" Ich gab den Befehl, in Marlesreuth die Territorialtafeln wegzunehmen und die Hausnummern zu löschen. Zugleich sollte der bischöfliche Untertan Schrepfer verhaftet werden, weil er vor einigen Wochen den Enchenreuther Gerichtsknecht daran gehindert hatte, eine liderliche Weibsperson aus Haueisen festzunehmen. Schrepfer habe sich seiner Festnahme wiedersetzt und sich mit einer Streuhacke gewehret. Auch die Frauen in seinem Hause hätten sich mit Steinen bewaffnet, um die Verhaftung ihres Vaters zu verhindern. Er sei weder bei der Festnahme noch beim Verhör mißhandelt oder beschimpft worden. Die Aussagen Schrepfers vor dem Nailaer Vogt seinen nichts weiter als ein Gewebe von Unwahrheiten und Verleumdungen. Er habe seine Aussagen nur gemacht, um sich wegen des Arrestes zu rächen und um die gegen den Enchenreuther Vogt seit geraumer Zeit bewiesenen gehässigen Gesinnungen des Amtes Naila noch mehr anzufachen."

Ähnlich äußerten sich auch die am Einfall teilgenommenen Zeugen. Nach dem Zeugenverhör schrieb Bischof Christoph Franz am 7. 1. 1797 an Hardenberg:
" Die Aussagen der Zeugen stimmen mit den Körnerschen Erklärung genau überein. Unter diesen Umständen kann ich den Vogt Körner zur Genugtuung nicht anhalten, noch weniger aber ihn anweisen, daß er die brandenburgische Landeshoheit über Marles- und Nestelreuth erkenne. Landesgehuldigte Untertanen lasse ich mir im Wege der Tat nicht wegnehmen."