Zuletzt geändert am 23.04.2008
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Geschichten und Sagen rund um Marlesreuth
wie sie vor hundert Jahren erzählt und aufgeschrieben wurden.
Die Volkskundlerin Wilhelmine Vogel in Bayreuth sammelte bei Pfarrern und Lehrern, Förster
und Bauern, Rittergutsbesitzern und Webergesellen alle im Volke bekannten oberfränkischen
Sagen. Ihre Ergebnisse vermachte sie dem Historischen Verein von Oberfranken in Bayreuth.
Sie füllen drei handschriftliche Bände.

 
Der Kirchenbau zu Marlesreuth

Zu der Zeit, als in diesem nunmehrigen Pfarrdorfe die erste Kirche als Schloßkapelle erbaut und der heiligen Jungfrau
Maria gewidmet werden sollte, hatten die Stifter den Platz hierzu unterhalb des jetzigen neuen Schulhauses bestimmt,
die Baumaterialien dorthin fahren und den Bau beginnen lassen.
Doch seltsam genug, fand man drei Morgen hintereinander alles, was tags zuvor aufgerichtet worden war, wieder
eingerissen und samt den Baumaterialien von unsichtbarer Hand jedesmal dorthin gebracht, wo jetzt die Kirche steht.
Als dieses Wunder zum dritten Male geschehen war, erkannten die Bauherren, daß der Schutzheiligen dieser Kapelle
der hierzu bestimmte Ort nicht angenehm sei, und sie befahlen, die Kapelle an ihrer jetzigen Stelle zu bauen.
Das Werk konnte nun ohne ein Hindernis glücklich vollendet werden.

Mitteilung des Webergesellen Geißer zu Marlesreuth.

 
Das Zauberbuch

Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebte zu Marlesreuth ein Bauer, der nicht im Geruche der Heiligkeit stand und
durch ein Zauberbuch die unglaublichsten Dinge vollführte.
Er ließ Soldaten kompanieweise aus der Ofenröhre marschieren, verwandelte dürre Zweige in junge Hühner und
konnte sich selbst in beliebige Gestalten verwandeln. Die Verwandlungen kamen ihm aber manchmal teuer genug zu
stehen. Als er einst die Gestalt eines Haselnußstrauches angenommen hatte, schnitt ein Knabe sich eine Rute davon ab;
warf sie aber mit Schrecken weg, als er sah, daß der Schnitt zu bluten anfing. Als sich der Zauberer wieder in
Menschengestalt zurückbegeben hatte, fehlte ihm ein Finger.
Ein ander mal hatte er sich, um der Einquartierung von Soldaten zu entgehen, in einen Hackstock verwandelt. Einer
der Soldaten wollte auf dem Hackstock seinen Rauchtabak schneiden, warf aber mit Entsetzen Tabak und Messer weg,
als er sah, wie mit jedem Schnitt das Blut herausdrang. Gleicher Schrecken ergriff seine Kameraden, und alle verließen
aufs schnellste das Haus. Als sich so der Zauberer von seinen ungebetenen Gästen befreit hatte, nahm er wieder
menschliche Gestalt an, ging aber viele Tage mit verbundenem Kopf umher und behielt zeitlebens die Narben der
Schnitte.
An einem Sonntag zauberte er seinem Nachbar, von dem er sich beleidigt glaubte, das ganze Haus voll Soldaten
welche allen möglichen Unfug darin verübten. Man mußte ihn aus der Kirche holen - denn bei all seinem unheimlichen
Tun wollte er doch für einen guten Christen gelten - und ihn bitten, diese Einquartierung wieder wegzuschaffen.
Nachdem er sich lange gute Worte hatte geben lassen, schickte er die Soldaten mit hilfe des Zauberbuches wieder fort.
Dieser Bauer verstand auch die Kunst, sich gegen feindliche Angriffe fest zu machen. Aus jedem Kampf ging er als
Sieger hervor, wenn er es verstand, in dem beginnenden Streit den ersten Schlag zu führen. Einst aber war er mit einer
Schar betrunkener Burschen in einem Wirtshaus zu Schauenstein in Streit geraten, hatte sich aber geflüchtet, ehe es zu
Tätlichkeiten kam. Die Burschen setzten ihm nach, holten ihn auf dem Hagberge ein, und der ihn zuerst erreichte
versetze ihm hinterrücks den ersten  Schlag. Da war auf einmal seine Kraft dahin, und bald sank er unter den Fäusten
und Knitteln tot nieder.
Das Zauberbuch blieb lange Zeit bei den Nachkommen des Bauern. Einer derselben, ein frommer christlicher Mann,
suchte es zu beseitigen, damit es kein Unheil mehr stifte. Als er einmal allein zu Hause war, machte er in dem unbesuchtesten Winkel seines Dachbodens in einem Balken ein Loch, so groß, daß das Buch hineinpaßte,
und verschloß die Öffnung auf geschickte Weise. Niemand konnte das Zauberbuch nun finden. Dort blieb es,
bis es bei dem großen Brande, der Marlesreuth in Schutt und Asche legte, mitsamt dem Hause vernichtet wurde.

Mitteilung des Webergesellen Geißer zu Marlesreuth.

 
Der Geist des Schloßherrn

Der Ritter Wilhelm Heinrich v. Wildenstein zu Marlesreuth, der um die Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebte, trug
gewöhnlich als Hauskleidung einen Schlafrock von grünem Wollenzeug nebst gelben Pantoffeln und rauchte dazu aus
einer langen Tonpfeife.
Als er das Zeitliche gesegnet hatte, fürchtete sich seine Gemahlin in den öden Zimmern und bestellte einige beherzte
Männer aus dem Dorfe ins Schloß. Ein Teil der Männer mußte ihr Gesellschaft leisten, der andere bei dem
Verblichenen die Totenwache halten.
Schon war die halbe Nacht ohne Störung vergangen, als sich plötzlich die Tür öffnete und der Schloßherr leibhaftig in
dem eben beschriebenen Hausanzug und mit der Pfeife hereintrat. Die gnädige Frau fiel mit einem Schrei des
Schreckens in Ohnmacht. Mit dem Mut eines der Männer mag es auch nicht weit her gewesen sein, denn der hatte
schon zuvor seinen großen Pudel mitgebracht und sprang jetzt ohne weiteres aus dem Fenster, der Hund hintendrein.
Furchtsam, jedoch beherzter warteten die anderen, was jetzt geschehen würde. Allein es geschah nichts, als daß die
gespenstische Erscheinung mit unhörbaren Tritten den Tisch umging, sich mit erloschenen Augen im Zimmer umsah
und ruhig wieder hinaus spazierte. Der aus dem Fenster gesprungene kam zwar nebst seinem Pudel unbeschädigt
davon, weil beide in tiefen Schnee gefallen waren, büßte aber seinen Schrecken in schwerer Krankheit.
Als drei Tage später die adelige Leiche in aller Pracht ihres Standes und damaliger Zeit bestattet und eben vor dem
Schlosse von dem Thor mit einer Leichenarie weggesungen wurde, wollen viele den Geist des Schloßherrn gesehen
haben, wie er aus einem Dachfenster schaute und mit beifälligem Blick das Trauergepränge betrachtete.

Mitteilung des Webergesellen Geißer zu Marlesreuth.

 
Die alte Burg in Nestelreuth

Nicht immer soll das Schloß daselbst auf der Stelle gestanden haben, wo es jetzt steht. Mündliche Nachrichten verlegen
den Platz der früheren Burg - welche man ohne hinreichenden Grund für eine Raubritterburg hielt - ungefähr einen
Büchsenschuß rechts davon auf einen höheren Absatz des Hügelrückens, an welchen sich das jetzige Schloß lehnt. Es
leben noch alte Leute in der Gegend, welche dort noch Mauerreste gesehen zu haben vorgeben, und noch zu Anfang
der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts stießen zuweilen hier der Pflug und die Haue auf Steine und Mauerwerk.
Bei der alten Burg sollen nach Meinung des Volkes in einem verschütteten Keller unermeßliche Schätze aufgehäuft
sein, welche sich zu gewissen Zeiten kundgeben, des Tages durch Rauch, des Nachts durch Feuer. Solange es raucht
oder brennt, sollen die Schätze zu heben sein; allein niemand kennt die dazu erforderlichen Zeremonien, und so sind
die verborgenen Schätze noch immer unberührt geblieben.


 
Die Weiße Frau

Auch im Schloß zu Nestelreuth ließ sich ehedem eine Weiße Frau sehen, jedoch nicht immer als Todesbote.
Sie erschien verschleiert, in ein weißes Gewand gehüllt und trug grüne Pantoffeln, mit denen sie einen geräuschvollen
schlurfenden Gang machte.
Eine von dem jetzigen Besitzer noch gekannte, in hohem Alter zu Marlesreuth verstorbene Taglöhnerin - insgemein die
"schwarze Bärbel" genannt - behauptete bis zu ihrem Ende die Wahrheit folgender Begebenheit:
Als sie hier auf dem Rittergut in frühester Jugend als Viehhirtin gedient, hätte sie einst im Spätherbst in der Stallung,
welche jetzt zur Brantweinbrennerei eingerichtet ist, mit den anderen Mägden Flachs gebrecht. Sie hörten alle plötzlich
ein schlurfendes Geräusch auf der steinernen Haustreppe, welche zu den oberen Zimmern führt, als wenn jemand in
Pantoffeln herabginge. Die Türe der Stallung öffnete sich und herein trat das Schloßgespenst. Erschreckt hielten die
Mägde mit ihrer Arbeit inne. Die Erscheinung schlurfte um sie herum, besah eine nach der anderen, nickte beifällig, als
wolle sie den Fleiß der Mägde loben, und begab sich dann auf dieselbe geräuschvolle Weise wieder in die oberen
Gemächer.

Mitteilung von Fräulein B. Hahn zu Nestelreuth

Der verstorbene Vorfahr des jetzigen Besitzers von Nestelreuth, Herr Klinger, hatte vor etwa vierzig Jahren einen
12 jährigen Knaben, namens Karl Götz aus Selbitz, als Schafhirten in Diensten. Dieser Knabe war wegen seines guten
Willens und seiner Anstelligkeit bei seiner Herrschaft sehr beliebt. Einst erwachte Karl in einer Sommernacht von einer
leisen Berührung. Erschrocken sah er auf und erblickte den Schloßgeist vor seinem Bette. Die Erscheinung winkte ihm,
aufzustehen und ihr zu folgen. Er aber fürchtete sich dermaßen, daß er sich nur noch mehr in sein Lager vergrub und
bloß von Zeit zu Zeit einen scheuen Blick hervorzuwerfen wagte. Lange stand die Gestalt vor ihm und wiederholte
immer dringender die stumme Einladung. Der furchtsame Knabe folgte nicht. Langsam und traurig entfernte sich der
Schloßgeist. Nun bekam Karl wieder Mut, sprang auf, blickte durch das Kammerfenster und sah im hellen Mond-
schein, wie das Gespenst über den Hof zu einer Pappel schritt und verschwand. Der Knabe legte sich wieder nieder,
konnte aber die ganze Nacht kein Auge mehr zutun. Als die Sonne aufging, trieb ihn ein unerklärlicher Drang zu der
Stelle, wo sein nächtlicher Besuch verschwunden war. Nicht lange hatte er sinnend dagestanden, als ein so starker
unterirdischer Knall ertönte, daß die Erde bebte. Erschrocken wich der Knabe zurück. Zu seinem größten Erstaunen
sah er zugleich eine blanke Silbermünze, von der Größe eines halben Guldenstücks, aus dem Boden springen und zu
seinen Füßen niederfallen. Er faßte sich ein Herz, hob sie auf und brachte sie seinem Herrn, der ein Kenner und
Liebhaber alter Münzen war. Dieser erkannte sie augenblicklich als eine kostbare alte Münze und belohnte Karl mit
einem reichlichen Trinkgeld.
Überzeugt davon, daß wo dieses Geldstück gelegen, gewiß noch eine große Anzahl Münzen verborgen sein müßten,
ließ Herr Klinger den ganzen Platz, wo das Schloßgespenst verschwunden war, bis auf den Felsengrund umgraben.
Man fand nichts. Die Weiße Frau wurde von da an nicht mehr gesehen. Der junge Schafhirt aber bereute zeitlebens,
der sooft wiederholten Einladung der Weißen Frau nicht Folge geleistet zu haben.
Karl Götz lebte noch im Sommer 1855 als Bürger und Webermeister zu Selbitz und verbürgte sich mit seinem Leben
für die Wahrheit dieses Erlebnisses.

Mitteilung des Webergesellen Geißer zu Marlesreuth.

 
Das Zwergloch bei Marlesreuth

Der verstorbene Pfarrer Sedler zu Selbitz erzählte in einer Relation vom 15. Juli 1684 folgendes, so sich vor seiner
Zeit zugetragen.
Zwischen Selbitz und Marlesreuth, und zwar auf den Marlesreuther Gütern, ist ein Loch im Gehölz zu finden, das
insgemein das Zwergloch genannt wird, weil ehedessen, vor mehr als hundert Jahren Zwerge allda gewohnt und unter
der Erden sich aufgehalten haben sollen, die da in Naila gewisse Einwohner an sich gewöhnt gehabt, daß sie ihnen ihre
Notdurft zugetragen haben.
Wie dann von zwei alten, ehrlichen und glaubwürdigen Männern, nämlich Albert Steffeln, seines Alters 70, der den 30.
Juni 1680 zu Marlesreuth begraben, dann auch Hannsen Rohmann, aetatis 63 und den 6. März 1679 zu Marlesreuth
begraben, etlichmal berichtet worden, daß jetztgedachten Rohmanns Großvater mit zwei Pferden nahe an diesem Loch
auf seinem Acker - welches Gut und Feld noch ein Enkel anjetzt, Simon Rohmann besitzet - geackert, dem sein Weib
ein neu gebackenes Brot zum Frühstück gebracht und am Rain niedergeleget, in ein Tüchlein gebunden und ihre Wege,
Gras an den nächstgelegenen Wiesen mit nach Hause zu nehmen, gegangen sei, bald ein Zwergweiblein gegangen kom-
men, ihn, den Ackersmann, um sein Brot angesprochen, er wäre noch nicht hungrig, sie aber hätte ihr Brot im Back-
ofen, ihre Kinder wären hungrig und könnten nicht erwarten bis es fertig würde, er solle ihrs für ihre Kinder lassen, sie
wolle es auf den Mittag zurückerstatten, welches gedachter alter Rohmann gerne gewilligt und das Brot überlassen.
Auf den Mittag ist das Weiblein wiedergekommen und hat ihm einen Kuchen von ihrem Brot noch warm gebracht,
auf ein sehr weißes Tuch geleget und ihm Dank gesaget, mit Vermelden, er solle das Brot nach seiner Gelegenheit
wegnehmen und ohne Scheu genießen, ihr Tüchlein aber liegenlassen, sie wolle es schon abholen, welches auch also
erfolget, worauf die Zwergin sagte, es würden soviel Hammerwerke in der Gegend aufgerichtet, daß sie dadurch
beunruhigt, müßten also weichen und ihren bequemen Sitz verlassen; auch vertriebe sie das Schwören und große
Fluchen, das so gemein unter den Leuten würde; wie auch die Sabbatsentheiligung, da ein jeder Hausvater früh vor
der Kirchenbesuchung am Sonntag auf das Feld liefe und seine Früchte beschaute, was ganz sündlich wäre.
Bem. Unsere Heimat 1956; Nr.11: G. Mörtel, Die Zwerge bei Naila. (Abdruck aus J. C. Pachelbel, Ausführliche Beschreibung des
Fichtelberges 1716 Leipzig)

Darin als Fortsetzung dieser Sage: " Vor etlich wenig Jahren hätte sich an einem Sonntagnachmittag unterschiedliche
junge Bauernknechte von Marlesreuth zusammengerottet, Schleißenspäne zu sich genommen, zum Loch gegangen,
Licht gemachet, und da hineingekrochen, umb solches zu besehen, da sie dann bald aufrechtes unter der Erde gehen
können, bald gebucket, bald gar kriechen müssen, weil der Gang in etwas verfallen. Als sie nun ein paar Ackerlängen
gekommen, hätten sie einen weiten Platz angetroffen, aufs netteste mit Felsen ausgearbeitet, höher als mannshoch und
recht in viereckichter Forme, da auf jeder Seite viel kleine Türlein eingegangen und gleich wie Kämmerlein gewesen,
welche sie zu Teil besehen, und damit sie das rechte Loch nicht vergessen möchten, einen mit einem Licht in den
Eingang stehen lassen, darauf sie sämtlich ein Grausen ankommen, und sie darauf wieder zurückgegangen, und etliche
Tage übel aufgewesen, doch habe es keinem nichts geschadet, un so viel hätte er, Pfarrer, aus der Relation der beeden
alten und noch anderer, die am Leben, und zum Teil mit im Loch gewesen.
 

184   Das Zwergloch bei Marlesreuth

Zwischen Selbitz und Marlesreuth (bei Naila) befindet sich im Wald eine Felsenhöhle. Man heißt sie das Zwergloch.
Hier unterm Felsen wohnten vor mehr als hundert Jahren Zwerge, die mit den Bewohnern der Ortschaft Naila
Verkehr hatten.
Zwei redliche und glaubwürdige Männer aus Marlesreuth, Albert Neffel und Hans Kohmann, die dort in hohem Alter
in den Jahren 1679/80  starben, haben darüber dem Pfarrer Hedler zu Selbitz am 15. Juli 1654 folgenden Bericht
abgestattet:

Kohmanns Großvater fuhr einst mit zwei Pferden auf seinen Acker in der Nähe des Zwerglochs.
Sein Weib hatte ihm zum Frühstück ein neugebackenes Brot gebracht, es in ein Tuch gewickelt an den Rain gelegt
und war nach Gras auf die Wiese gegangen. Da kommt in einer Weile ein  Zwergweiblein und bittet den Ackersmann,
ihm das Brot zu geben, das ihrige läge noch im Ofen, die hungrigen Kinder aber könnten nicht abwarten,
bis es fertig wäre, mittags wollte sie's richtig zurückerstatten.
Der alte Kohmann hat dem Weiblein das Brot herzlich gern gegeben.

Mittags kommt darauf die Zwergin wieder und bringt einen noch warmen Kuchen auf sehr weißem Tuch,
reicht ihn jenem mit Dank und sagt, er möge das Brot nehmen und ohne Scheu genießen, ihr Tüchlein aber liegen lassen,
da sie es selbst abholen würde. Dies ist auch geschehen.
Und das Weiblein hat hinzugefügt, nun müßten sie bald scheiden und ihren bequemen Sitz hier verlassen,
denn es würden so viele Hammerwerke in der Gegend aufgerichtet, die sie beunruhigten;
auch vertreibe sie das viele Schwören und Fluchen der Menschen umher, gleich wie die Sabbatsentheiligung,
wo die Hausväter vor der Frühsonntagskirche aufs Feld gingen und die Früchte beschauten, was doch sündlich wäre.

An einem Sonntag sind einmal etliche junge Marlesreuther Bauern mit Lichtern in die Zwergenwohnung bald aufrecht,
bald gebückt, eingedrungen und nach langem Gehen endlich auf einen geräumigen Platz gelangt,
der in viereckiger Form und zierlich mit Felsen ausgearbeitet war.
Nach allen Seiten hin haben sie vier kleine Türen und Kämmerlein gefunden und zum Teil besehen.
Da ist ihnen aber ein Grausen angekommen, sie haben den Rückweg wieder gesucht und sind alle einige Tage
unwohl gewesen.

Quelle: www.gutenberg2000.de/schoeppn/bysagen/bys0184.htm


 
Sagen vom "Kapfigten Stein"

Etwas mehr als die Hälfte des Weges von Selbitz nach dem Pfarrdorfe Marlesreuth liegt links desselben eine weithin
sichtbare, seltsam gestaltete Felsengruppe auf einer sanft sich anhebenden Anhöhe, mitten in Feldern. Von weitem
gesehen gleicht sie einem Heldengrabe der Vorzeit, in dem aus der Mitte mehrere kleinere Steintrümmer eine runde
Säule zu ragen scheint. In der Nähe aber schwindet diese romantische Täuschung, und man findet nichts weiter als
einen unregelmäßigen, sehr stark nach Westen überhängenden Felsblock, der sich über mehrere kleinere erhebt. Diese
Stellung hat ihm wahrscheinlich seinen Namen gegeben; denn in dortigen Gegend sagt man "kapfen" statt überhängen.
Das seltsame an diesem Steingebilde ist, daß eine halbe Stunde ringsumher kein Felsen zu sehen ist. Sollten Menschen-
hände ihn hierher getragen haben? Vom "Kapfigten Stein" weiß die Umgegend folgende Sage zu berichten:

Der vergrabene Schatz

Am Fuße des "Kapfigten Steins", dort wo er am meisten überhängt, soll in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges ein
Schatz vergraben worden sein. Alljährlich am St. Johannisabend wandelt von dieser Stelle aus ein Licht bis in den
Garten des Schankwirtes Böhm zu Marlesreuth, und nach kurzem verweilen schwebt es den nämlichen Weg zurück.
Man will hieraus folgern, es sei dieser Schatz von einem der Vorfahren aus diesem Hause dahin geborgen worden.
An Versuchen, ihn zu heben, fehlte es zu keiner Zeit. Alle diese Versuche blieben ohne Erfolg.

Der eiserne Topf

Einst ackerte der Bauersmann Christoph Schmidt aus Marlesreuth auf seinem Feld neben dem "Kapfigten Stein".
Plötzlich schien ihm an einer Stelle der Pflug tiefer zu gehen und auf etwas hartes zu stoßen. Schnell zog er den Pflug
zurück, räumte mit einer Haue die Erde weg und fand einen mit einem Deckel versehenen eisernen Topf. Neugierig
öffnete  er denselben, und wer beschreibt seine Freude, als er den Topf mit Gold und Silbermünzen bis zum Rande
gefüllt fand. Er deckte den Topf wieder zu und schickte sich eben an, denselben vollends auszugraben, als er plötzlich
hinter sich "Stoffel" von der Stimme seiner Frau zu hören glaubte. Als er sich umsah, war weit und breit niemand zu
sehen. In Gedanken darüber blieb er längere Zeit stehen. Dann wandte er sich wieder seiner unterbrochenen Arbeit zu;
aber der Topf war verschwunden, und so emsig er auch weitergrub, nichts war mehr zu finden. Höchst mißmutig ob
der mißlungenen Schatzgräberei und ebenso aufgebracht über das unsichtbare Wesen, das ihm einen solchen Possen
gespielt, führte er seinen Pflug nach Hause. Der Bauer merkte vor Ärger kaum, daß ihm auf dem Heimweg etwas in
den beiden Schuhen drückte.
Dieser Druck vermehrte sich, je näher er dem Dorfe kam, so daß er, als er heimgekommen war, nichts eiligeres zu tun
hatte, als seine Schuhe auszuziehen und auszuschütteln. Zu seinem größten Erstaunen rollte aus jedem Schuh ein neuer
Dukaten, gleichsam als Vergütung für seine Mühe und verlorene Zeit.

Mitteilung des Webergesellen Geißer zu Marlesreuth.

 
Der verrostete Schlüssel

Ein späterer Besitzer eben dieses Ackers, der Bauersmann Heinrich Munzert aus Marlesreuth, war einst wie sein
Vorgänger, daselbst mit Pflügen beschäftigt. Als er am "Kapfigten Stein" vorbeikam, schlüpften plötzlich zwei
goldglänzende Eidechsen unter seinem Pfluge hervor und verschwanden unter dem Gestein. Wie der Blitz war er mit
seiner zufällig mitgebrachten Haue dahinter her, denn er dachte, diese seltsamen Tiere wollten ihm den Weg zum
verborgenen Schatz zeigen. Emsig begann er zu graben. Da hörte er hinter sich seinen Taufnahmen rufen. Er wandte
sich um, ging zum Pfluge, sah aber niemand. Verdrießlich kehrte er dann zu seiner Schatzgräberei zurück. Siehe, da
war die ausgegrabene Grube wieder zu, und als er aufs neue anfing zu graben, traf die Haue auf lauter Felsengrund. So
mußte auch er unverrichteter Sache wieder heimkehren. Zu Hause fühlte er etwas schweres in einer der Taschen seines
Wamses, und als er es herauszog, war es ein ganz verrosteter Schlüssel von seltsamer Form. Sogleich ging er wieder zu
dem Felsen, um das passende Schlüsselloch zu suchen. Er untersuchte aufs genaueste den Stein und probierte den
vermeintlichen Zauberschlüssel überall. Alle Mühe war vergebens. Unzählige Versuche zu allen Tages und Jahreszeiten
und zu allen heiligen Zeiten liefen ebenso fruchtlos ab, bis Munzert schließlich darüber abstarb.
Der Schlüssel aber wurde lange Zeit bei der Familie Munzert als ein Heiligtum aufbewahrt.

Mitteilung des Webergesellen Geißer zu Marlesreuth.