Zuletzt geändert am 23.04.2008
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Ortsgeschichte Marlesreuth
von Willi Schrepfer

 
 
Marlesreuth, nordöstlich am Döbraberg gelegen, wird zum erstenmal im 14. Jahrhundert urkundlich
erwähnt. Zur Entstehung des Namens erzählt sie Sage, dass ein gewisser Marold hier gerodet hat.
Als „Dorf“ wird der Ort erstmals im Jahr 1422 bezeichnet.
1362 trugen zwei Brüder aus dem Geschlecht der Wildensteiner ihren altväterlichen Besitz
in Marlesreuth dem Bischoff von Bamberg als Burglehen auf. Damit wurden die Bischöfe
von Bamberg Oberlehensherrn. In der Folgezeit wechselte das Dorf immer wieder seinen Besitzer.

1826 erhielt Marlesreuth Wolf Gerhard von Guttenberg aus den Wildenstein`schen Lehenbriefen.
Die Wildensteiner stehen im Volksmund nach in keinem guten Andenken.
So soll z.B. ein Wildensteiner von seinem Schlosse aus auf die vorübergehenden geschossen haben.
Besonders sind die schweren Frohndienste, die die Bauern zu leisten hatten, in üblem Gedenken.
Ein Bauer musste 1660 für einen Hof, der einen Kaufwert von 100 fl. hatte, wenn er keine
Frohndienste leistete, jährlich 13 ¾ fl. zahlen, das ist ungefähr der siebente Teil des Hofwertes.
Für jene Zeit eine bedeutende Summe.
Leistete er jedoch Frohndienste, so hatte der Bauer folgendes auszuführen:
17 Tage Ackern;
50 Fuder ein- oder ausfahren;
3 Klafter Holz hauen;
2 Tage mähen;
17 Tage schneiden;
alles Heu und Grummet für die Herrschaft dürr machen; bei der Jagd – so oft begehrt -
das Garn tragen und aufstellen;
Getreide in die Mühle bringen und das Mehl abholen;
Steine zum Bauen – so oft nötig – fahren;
dazu die Herrschaft bei jeder Gelegenheit ausfahren.
So ist es verständlich, wenn sich im Laufe der Zeit eine böse Stimmung breit machte,
weil eben die Frohndienste zu hart auf dem Bauern lasteten.

In Marlesreuth standen zwei Schlösser der Wildensteiner.
An das eine erinnert noch heute der neben der Kirche gelegene Wallhügel.
Von diesem Schloß aus soll ein unterirdischer Gang nach dem Schloß Nestelreuth geführt haben.
Kulturell waren die Wildensteiner in Marlesreuth jedoch nicht ohne Bedeutung. Sie förderten Schule
und Kirche durch beachtliche Zuwendungen. So schenlte ein Wildensteiner einen Acker zur Schule.
Die Kirche hat mancherlei Geschenke in Geld und Wertgegenständen dem Geschlecht der
Wildensteiner zu verdanken.
Noch heute sind ein silberner Hostienteller, ein sehr wertvoll getriebener Kelch und eine Hostiendose
für die Abendmahlsfeiern im Gebrauch.
Sie tragen Wappen und Initialien der von Wildenstein und Prichowsky.

Vor allem die Kirche in Marlesreuth hat einen für den Ort interessante Geschichte.
Ursprünglich war im 15. Jahrhundert eine „Capella“ vorhanden, die zum Kirchenbezirk Hof gehörte.
1576 wurde diese Kapelle – wahrscheinlich ein Blockhaus – vom „Donnerwetter zerschlagen“.
Über den Aufbau der Kirche, die Namen der Erbauer und des Kirchenpatrons
fehlen bedauerlicherweise die Aufzeichnungen.
Es wird angenommen, dass die jetzige Kirche spätestens im 16. Jahrhundert erbaut wurde.
Die zwei Eckpfeiler, welche Schiff und Sakristei trennen, sind wohl die ältesten Stücke des Oberbaues.
Im 18. Jahrhundert war die Marlesreuther Kirche so wohlhabend – das Geldvermögen bestand
aus ca. 2600 Goldgulden – dass sie Bauern und Handwerker des Ortes und der Umgebung
aber auch den Adeligen der Nachbarschaft Geld verleihen konnte.
Dieser Wohlstand der Kirche ermöglichte es wohl auch, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
das Gotteshaus zu erweitern und auszuschmücken.
1717 wurde die wahrhaft sehenswerte Holzkasettendecke von dem Hofer Künstler Heinrich Matthäus
Lohe gemalt. Im selben Jahrhundert schuf ebenfalls ein Hofer, Johann Nikolaus Knoll
den kunstvoll geschnitzten Kanzelaltar.
Der Hofer Glockengießer Christof Salomon Greulich goß 1729 die heute noch vorhandene
sogenannte „große Glocke“, die als einzige den letzten Krieg überlebte.
Chorgestühl und Emporen wurden von den Hofern Heinrich Matthäus und Heinrich Samuel Lohe
mit allerlei Farben und Linien geschmückt.
So steht die Geschichte des sehenswerten Marlesreuther Kirchleins in enger Beziehung
zur Kunstgeschichte der Stadt Hof im 18. Jahrhundert.
Damit ist ein weiterer Beweiß erbracht, dass auch das nordöstliche Oberfranken in kultureller Hinsicht
schon früher von Bedeutung war, wenn es auch nicht so viel von sich reden machte
wie die Kulturgeschichte anderer deutscher Landschaften.

Bei einer Reparatur im vorigen Jahrhundert ist manches Wertvolles verloren gegangen.
In dieser Zeit des anbrechenden Materialismus verlor man den Sinn und die Freude
an der empfindungsreichen Phantasie des Künstlers.
So sind damals die mit biblischen und allegorischen Gestalten bemalten Emporen herausgenommen
und durch gestrichene ersetzt worden. Das gleiche geschah mit den alten Kirchenbänken.
Der schöne messingene Kronleuchter wurde für die Kirche im Jahr 1895 gestiftet.

Auch von Unglücksjahren und Epidemien erzählt sie Ortsgeschichte.
In den Jahren 1771 – 72 war die Teuerung so groß, dass in benachbarten Orten
Leute Hungers gestorben sind. –

Im Jahr 1847 raffte eine Ruhrepidemie allein in Marlesreuth 83 Menschen hinweg.
Knapp 40 Jahre später starben hier 52 Menschen an Diphtherie. –

Als am 3. August 1862 eine Brandkatastrophe Ort, Kirche und Pfarrhaus von Naila in Schutt
und Asche legte, kamen viele Obdachlose nach Marlesreuth und fanden Unterkunft. –

1705 war ein „außerordentliches Hagelwetter, das einen großen Distrikt von Feld-,
sonderlich Kornfrüchten in den Erdboden derart geschlagen hat, dass manchem Tagwerk
nicht 100 Stengel stehen blieben“. –

Auch von grausamen Gerichtsurteilen wird berichtet.
Es heißt wörtlich: „Am 4. Dezember 1722 vollzog man die Strafe des Raubschlagens in Hof
an einem Kreis von 77 Jahren aus Marlesreuth, der durch Zauberei eine Krankheit unter das Vieh
seines Edelmannes verursacht und dadurch den Tod von 36 Stücken herbeigeführt haben sollte.
Nach der Auspeitschung ließ man den alten Mann auf einem Wagen wegfahren.“

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann sich in Marlesreuth eine Entwicklung anzubahnen,
in der der Anfang der heutigen sesshaften Textilindustrie zu erkennen ist.
Das frühere Bauerndorf Marlesreuth veränderte sich im 20. Jahrhundert mehr und mehr
zu einem Industrieort.