Zuletzt geändert am 23.04.2008
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Das schreckliche Hungerjahr 1817

 
Bericht der Local-Schulinspektion Marlesreuth in Selbitz
11. Juni 1817

" Unbeschreiblich ist das Elend, welches der bleiche Hunger in dieser Gemeinde angerichtet hat. Ich bewundere den Mut und die Standhaftigkeit des dasigen Lehrers, welcher mitten in dieser großen Not unermüdet und fleißig in seinem Amte ist und sich durch so viele Hindernisse nicht binden läßt, seine Bildung im Lehrfache durch gutgewählte Bücher und Schriften fortzusetzen."

Steben, den 14. Juli 1817, an die Kgl. Regierung des Obermainkreises, Kammer des Innern:
 Die Königl. Distriktschulinspektion zeigt die großen Schwierigkeiten, die sich gegenwärtig bei den Sommerschulen äußern, untertänigst an und bittet um gnädigen Bescheid.
 Der gegenwärtige außerordentliche Mangel an Nahrungsmitteln und die daraus entspringende Not, die in hiesiger rauher Waldgegend auf einen sehr hohen Grad gestiegen ist, und ihrer traurigen Folgen in allen Ständen und Verhältnissen äußert, hat einen sehr schlimmen Einfluß auch auf das Schulwesen.
 Die Einwohner der Nebenortschaften, wo Schulhaltereien sind, sollen täglich ihre Kinder in die Schule schicken, sollen das Schulgeld und das Kostgeld wie im Winter bezahlen, auch dann, wenn der Lehrer außerhalb des Schulortes wohnt, und am Sonnabend und Sonntag zu Hause ist.
 Mehrere Lehrer nehmen auf die Not der Leute Rücksicht und handel billig, andere klagen bei dem Kgl. Landgericht und die Leute werden mit scharfer Exekution belegt, so daß die Distriktschulinspektion täglich und stündlich von den Schulhaltern bald von den Gemeinden angelaufen wird. 
 Die Not derselben ist allerdings groß. In vielen Häusern haben die Einwohner keinen Bissen Brot, keinen Kreuzer Geld, denn alles bare Geld ist für Getreide ins Ausland gegangen und auch die, welche sonst in Wohlstand waren, leiden Mangel, weil niemand seine Forderungen herausbringen und wer auch Geld ausborgen wollte, keines auftreiben kann. 
 Der Unterzeichnete muß mit seiner Familie von Haberbrot und als Dekan viel schlechter leben, als er ehemals als Pfarrer gelebt hat.
 Das Kgl. Landgericht hat zwar alle Vorkehrungen getroffen, dem Mangel abzuhelfen, aber welcher Untertan ist imstande das Maß Korn mit 8 Gulden zu bezahlen?
 In Rücksicht auf diese außerordentliche Zeit der Not hat die Distriktschulinspektion stillschweigend geschehen lassen, daß in den Nebenschulen nur zweimal in der Woche Schule gehalten worden ist.
 Die Kgl. Distriktschulinspektion sieht sich notgedrungen, die höchste Behörde um gnädigen und baldigen Bescheid über folgende Punkte zu bitten:
1. Sollen die Gemeinden dem Schulhalter Kost und Schulgeld wie im Winter geben, wenn der Lehrer die Woche nur etlichmal 2 Stunden Schule hält, und die übrigen Tage zu Hause bei seiner Familie lebt?
2. Soll in dem Erntemonat, wo die Schule gesetzlich zessiert, Kost und Schulgeld ebenso wie zu anderer Zeit fortgehen?
 Verbinden auch die Gesetze zu dem allen, so sind doch gegenwärtig die Meisten Einwohner nicht imstande diesen Aufwand zu bestreiten und würden bei fortgehender Exekution umso weniger dazu fähig sein. Ob nicht wenigstens in dieser harten Zeit und bis zur vollendeten Ernte von dem rigore der Gesetze etwas nachgelassen werden könne, und ob nicht der Schulhalter nur an den Tagen wo er Schule hält, mit Kost und Schulgeld sich begnügen solle, wird der höchsten Stelle zur gnädigen Beurteilung überlassen.
Mit aller Ehrfurcht
                        der Königl. Bair. Regierung des Obermainkreises
                                                                                               Kammer des Innern
                                                                                       untertänigst gehorsamer Kiesling

Anmerkungen:

1. 
Steben den 26. März 1817: Beitreibung der rückständigen Schulgelder z. B. Bernstein, Scheidig, 41 Gulden 38 Kreuzer; Schwarzenbach, Cantor Frank, 43 Gulden 20 Kreuzer; Marlesreuth, Fleischmann, 18 Gulden; Lichtenberg, Cantor Diezfelbinger, 185 Gulden 27 Kreuzer; Gesamtsumme der rückständigen Schulgelder 772 gulden 42 Kreuzer.
2. 
Vom 3. Mai bis Ende August 1816 hatte es unaufhörlich geregnet, so daß das Getreide nicht zeitig wurde und die Kartoffeln in der Erde verfaulten. Was man mühsam vom Felde einbrachte, hatte wenig Nährstoffe in sich und war geeignet nur auf kurze Zeit den Hunger zu stillen. Das unreife und nasse Getreide verdarb größtenteils in den Scheunen und im ganzen war's nur der dritte Teil einer gewöhnlichen Mittelernte. Die Leute konnten kaum bis zum Anfang des Winters davon leben.
Der baierische Metzen Weizen stieg bis auf 12, Korn 10, Gerste und Erbsen 8, Haber 3, Linsen 7, Erdäpfel 3, Kleie 1 1/2 Gulden. Das Pfund Schweinefleisch kostete 16 - 20 Kreuzer, Rindfleisch 15, Kalbfleisch 10, Schöpfenfleisch 11, Reis 26, Butter 40, Schmalz 48 Kreuzer; die Maß Bier 7, 
ein Ei 2 Kreuzer, eine Gans 90 - 100 Kreuzer.

Das Getreide wurde meistenteils aus Polen und Rußland über Halle und Magdeburg bezogen.

Kleie, isländisches Moos, Quecken, Eicheln, Graswurzeln, Kartoffelschalen wurden zu Mehl und Brot verwendet und allerlei Gräser zu Gemüse gekocht, wovon viel Leute Magengeschwüre bekamen und starben.-

Die reiche und gesegnete Ernte des Jahres 1817 machte diesem großen und allgemeinen Notstand ein glückliches Ende.